Menschenzoo | Hagenbecks Völkerschau der „Feuerländer“ 1881/82

Kaiserreich und Imperialismus | Modul 11 | Quellen untersuchen | Erinnerungskultur | Rassismus | ◻◻◻ schwer | ca. 90 min

Menschenzoo der „Feuerländer“ in Paris, Foto von 1881 | Vollständiges Bild und Bildnachweis (Public Domain, Wikimedia): Bild anklicken

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Im Zoo schaust du dir – na klar! – Tiere an. Was sonst? Als Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Zoos in den deutschen Ländern öffneten, wurden dort tatsächlich erst einmal nur Tiere gezeigt. Seit Mitte der 1870er Jahre aber wurden auch Menschen in allen großen und kleinen Zoos nicht nur im Deutschen Reich, sondern in den meisten anderen europäischen Ländern und auch in Amerika und Japan „ausgestellt“. Die Zurschaustellung indigener Menschen aus allen Teilen der Welt lockte viele Millionen zahlende Besucherinnen und Besucher an und war kommerziell sehr erfolgreich. Bis Anfang der 1930er Jahre fanden im Deutschen Reich etwa 400 sogenannte Völkerschauen statt, die oft durch mehrere Länder und Städte tourten.

„Grete“ mit ihrem Kind „Dickkopf“. Die Kawesqar führten nicht ihre eigenen, sondern die Namen, die ihnen der Kapitän gab, der sie nach Europa verschleppte. „Grete“ verstarb am 16. oder 17. Februar 1882 auf dem Weg nach Zürich. Die Gruppe, also auch „Grete“ eigenes Kind, musste trotz des Todesfalls direkt nach ihrer Ankunft auf die Bühne des „Plattentheaters“. In Zürich wurden die Kawesqar aufgrund der Jahreszeit nicht im Zoo gezeigt. | Foto von 1881 oder 1882 | Vollständiges Bild und Bildnachweis (Public Domain, Wikimedia): Bild anklicken

Der bekannteste Veranstalter der Völkerschauen war der Unternehmer Carl Hagenbeck aus Hamburg. Er ließ im Sommer 1881 vier Männer, vier Frauen und drei Kinder verschleppen, um sie in europäischen Zoos auszustellen. Die Zeitungen waren damals voll von Berichten über die „Feuerländer“ von der Südspitze Südamerikas. Zuerst kam die Völkerschau nach Paris, wo sie innerhalb von sechs Wochen eine halbe Million Besucherinnen und Besucher zählte. Eines der Kinder verstarb dort im Zoogehege.

Der Menschenzoo machte anschließend im Zoologischen Garten Berlin und dann in Stuttgart Station. Das Neue Tagblatt berichtete im Dezember 1881 unter der Überschrift „Die Feuerländer in Stuttgart“:

Hat Einer früher auf weiten Reisen fremde Menschen und Völker gesehen, so wurde er angestaunt, und seine Schilderungen fanden stets dankbare Hörer. Heute ist’s anders, die fremden Menschen kommen zu uns, es ist ein „Geschäft“ daraus geworden, sie in Gesellschaften herüber zu bringen, womöglich mit ihren Hausthieren, um sie hei uns ihre Spiele, Kriegstänze ec. [usw.] aufführen zu lassen. Interessant, unterhaltend und dabei sehr belehrend für alle Wißbegierigen! So sah man in den letzten Jahren in Deutschland und zum Theil auch in Stuttgart Chinesen, Japanesen, Eskimo’s, Lappländer, Nubier und Zulu’s; jetzt sind bei uns sogar Feuerländer, Bewohner der Inselgruppe an der südlichsten Spitze Amerika’s in Sicht. Stuttgart ist nach Paris und Berlin die dritte der wenigen Städte, wo die braunen Wilden gastiren werden. […] Die Feuerländer im Allgemeinen stehen auf der allerniedersten Kulturstufe und sind — sagen wir es gleich — von Haus aus und unbestritten Menschenfresser, Darwin sagt: durchaus Teufeln ähnlich.   

 Neues Tagblatt und Generalanzeiger für Stuttgart und Württemberg, 3. Dezember 1881 – damalige Rechtschreibung beibehalten

Werbeplakat von 1881/82 , Bestand Stadtarchiv München | Vollständiges Bild und Bildnachweis (Public Domain, Wikimedia): Bild anklicken

Die  Kawesqar (gesprochen: „Kaweskar“, wie diese indigenen Menschen sich selbst nennen) waren keine Kannibalen. In der Geschichte der Menschheit kam Kannibalismus nur sehr selten vor. Aufgrund ihres rassistischen Denkens haben europäische Wissenschaftler oft und gerne behauptet, die sogenannten „Urmenschen“ seien Kannibalen, um die angebliche Überlegenheit der Europäer zu betonen. Und natürlich lockten angebliche Kannibalen noch mehr Menschen in die Völkerschauen. Die Zeitungen berichteten hauptsächlich Negatives über die Kawesqar. Nach Stuttgart zog die Schau zunächst weiter nach München und danach im Februar 1882 in die Schweiz nach Zürich. Die Neue Zürcher Zeitung berichtete:

Das Aussehen, namentlich der Erwachsenen, verräth allerdings einen hohen Grad von Stumpfsinn, doch würden sie intelligenter aussehen, wenn sie nicht, wie unsere Modedamen, das Haar über die Stirne herabhängen ließen […]. Wenn sie von Hungersnoth heimgesucht werden, sind sie auch noch Kannibalen und schlachten ihre alten Weiber und zwar eher als die Hunde. […]  Die Männer scheinen die größte Freude zu haben am dolee far niente [süß ists, nichts zu tun], die Frauen hingegen äußerten große Freude, als man ihnen Binsen überreichte und fingen sofort an, Körbchen zu flechten, indem sie die Arbeit mit der großen Fußzehe festhielten.

Neue Zürcher Zeitung, Nummer 58, 27. Februar 1882 – damalige Rechtschreibung beibehalten

Der Bericht verschweigt, dass „Grete“ auf dem Weg nach Zürich gestorben und die ganze Gruppe inzwischen schwer erkrankt war. Vier weitere Kawesqar starben im Februar und März 1882 an verschiedenen ansteckenden Krankheiten. Die Schau wurde abgebrochen. Am Ende kehrten nur vier Kawesqar, darunter die beiden überlebenden Kinder, nach Südamerika zurück.

Was die Kawesqar im Menschenzoo ertragen mussten und wie sie behandelt und beschrieben wurden, erfährst du in diesem Modul. Dabei geben die Völkerschauen vor allem Auskunft auch über den menschenverachtenden Rassismus in den Köpfen der Europäer. Einige heutige Wissenschaftler:innen behaupten sogar, dass erst die zahlreichen Völkerschauen, die es bis zum Zweiten Weltkrieg zahlreich gab, den Rassismus in die Köpfe der Menschen gepflanzt haben.

 

Aufgaben

1 | Öffne die Seite mit den Textquellen. Du findest dort sieben verschiedene Zeitungsberichte über die „Feuerländer“. Wähle dir eine der sieben Quellen aus und lies dir den Zeitungsartikel aufmerksam durch. (In der Klasse könnt ihr arbeitsteilig alle Quellen bearbeiten und sie euch nachher gegenseitig vorstellen)

quellen

    a) Fasse die Berichte jeweils kurz mit deinen eigenen Worten zusammen.

    b) Überlege: Was ist dir beim Lesen des Zeitungsartikel besonders aufgefallen? Glaubst du dem Bericht? Versuche deine eigenen Gedanken zum Artikel in Worte zu fassen. Lies diese Gedanken der Klasse vor. Was halten die anderen von deinen Gedanken?

     

    2 | In Hamburg wurde 2020 eine Petition gestartet, das Denkmal Hagenbecks im Tierpark Hagenbeck zu entfernen. Lies dir zuerst den Zeitungsbericht der Elmsbüttener Nachrichten über die Petition durch.

    Verfasse einen Leserbrief an die Zeitung, in dem du deutlich machst, ob die Forderungen der Petition (Abriss des Denkmals, Umbenennung der Carl-Hagenbeck-Straße und die Errichtung eines Denkmals für die Betroffenen der Völkerschauen) unterstützt oder nicht. Vielleicht hast du auch noch einen anderen Vorschlag?

    segu-Projektleiter Christoph Pallaske hat auch den Wikipedia-Artikel zur Völkerschau der „Feuerländer“ verfasst.

    Stichworte zum Modul Menschenzoo | Deutsches Reich | Geschichte | Geschichtsunterricht | Unterricht | Völkerschau | Rassismus | Feuerländer

    Die Antworten zu den Aufgaben kannst du entweder in deine Geschichtsmappe schreiben – ganz einfach mit Stift und PapierDu kannst die Antworten aber auch in die Textfelder unter den Aufgaben eingeben und anschließend ausdrucken oder als pdf abspeichern. Klicke dafür auf das Drucker-Symbol. Hier erhältst du weitere Informationen
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