„Diktatur des Proletariats“ | Quellen

 

Die Quellen gehören zum Modul „Diktatur des Proletariats“

 

Quelle 1 | Wladimir Iljitsch Lenin über die Elektrifizierung | Rede vor dem VIII. Gesamtrussischen Sowjetkongress am 22. Dezember 1920

Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes. Sonst wird das Land ein kleinbäuerliches Land bleiben und das müssen wir klar erkennen. Wir sind schwächer als der Kapitalismus, nicht nur im Weltmaßstab, sondern auch im Innern unseres Landes. Das ist allbekannt. Wir haben das erkannt und wir werden es dahin bringen, dass die wirtschaftliche Grundlage aus einer kleinbäuerlichen zu einer großindustriellen wird. […]

Gewiss, für die parteilose Bauernmasse ist das elektrische Licht ein „unnatürliches“ Licht; für uns aber ist es unnatürlich, dass die Bauern und Arbeiter jahrhunderte-, jahrtausendelang in solcher Finsternis, in Elend, in Unterdrückung durch die Gutsbesitzer und Kapitalisten leben konnten. Dieser Finsternis kann man nicht so schnell entrinnen. […] Man muss jedoch wissen und darf nicht vergessen, dass die Elektrifizierung nicht mit Analphabeten durchzuführen ist. […] Wir brauchen Menschen, die nicht nur des Lesens und Schreibens kundig sind, sondern kulturell hochstehende, politisch bewusste, gebildete Werktätige; es ist notwendig, dass die Mehrheit der Bauern eine bestimmte Vorstellung von den Aufgaben hat, vor denen wir stehen. […]

Wir müssen es dahin bringen, dass jede Fabrik, jedes Kraftwerk zu einer Stätte der Aufklärung wird, und wenn Russland sich mit einem dichten Netz von elektrischen Kraftwerken und mächtigen technischen Anlagen bedeckt haben wird, dann wird unser kommunistischer Wirtschaftsaufbau zum Vorbild für das kommende sozialistische Europa und Asien werden.

zitiert nach: Lenin: Werke, Bd. 31, Berlin 1959, S. 513f.

 

 

Quelle 2 | „Mitteilungen des Provisorischen Revolutionskomitees der Matrosen, Rotarmisten und Arbeiter der Stadt Kronstadt“ | 3. März 1921

Als die Arbeiterklasse die Oktoberrevolution zum Erfolg führte, hoffte sie, ihre Befreiung zu erlangen. Das Ergebnis aber war eine noch größere Versklavung der menschlichen Persönlichkeit. Die Macht des Polizeimonarchismus ging in die Hände der kommunistischen Eindringlinge über, die den Werktätigen statt der Freiheit ständige Furcht vor der Folterkammer der Tscheka brachten, deren Gräueltaten die der Gendarmerieverwaltung des zaristischen Regimes noch um ein Vielfaches übertrafen. […]  

Am schändlichsten und verbrecherischsten ist jedoch die moralische Versklavung durch die Kommunisten: Sie machten auch vor der inneren Einstellung der Werktätigen nicht Halt, sondern zwangen sie, nur so zu denken wie sie selbst. Mit Hilfe der staatlichen Gewerkschaften fesselten sie die Arbeiter an ihre Werkbänke und machten so die Arbeit nicht zur Freude, sondern zu einer neuen Sklaverei. Auf die Proteste der Bauern, die in spontanen Aufständen zum Ausdruck kamen, und der Arbeiter, die schon durch die Lebensbedingungen selbst zu Streiks gezwungen waren, antworteten sie mit Massenerschießungen. […]

Immer klarer zeichnete sich ab, was jetzt offenbar wurde, nämlich dass die RKP nicht, wie sie vorgab, für die Werktätigen eintritt; die Interessen des werktätigen Volkes sind ihr fremd, und einmal an die Macht gelangt, kennt sie nur die Sorge, sie nicht wieder zu verlieren, und deshalb sind alle Mittel erlaubt: Verleumdung, Gewalt, Betrug, Mord und Rache an den Familienangehörigen der Aufständischen. Die Langmut der Werktätigen ist am Ende. Arbeiterstreiks brachen aus, aber die bolschewistischen Spitzel schliefen nicht und ergriffen alle Maßnahmen, um die unvermeidliche dritte Revolution zu verhüten und zu unterdrücken.

zitiert nach: IzpB: Die Sowjetunion 1917-1953, Nr. 235, Bonn 1992, S.16.

 

 

Quelle 3 | Wladimir Iljitsch Lenin über den Kronstädter Matrosenaufstand | Rede auf dem X. Parteitag der KPR am 8. März 1921

Nun möchte ich auf die Ereignisse in Kronstadt  eingehen. […] Zwei Wochen vor den Kronstädter Ereignissen schrieb man bereits in den Pariser Zeitungen, dass in Kronstadt ein Aufstand ausgebrochen sei. Es ist ganz klar, dass hier die Sozialrevolutionäre und die ausländischen Weißgardisten [Die „Weiße Armee“ war im russischen Bürgerkrieg der Gegner der Roten Armee] ihre Hände im Spiel hatten; und zugleich lief diese Bewegung auf eine kleinbürgerliche Konterrevolution hinaus, kam das kleinbürgerliche anarchistische Element zum Zuge. Das ist schon etwas Neues. Dieser Umstand muss, in Verbindung mit allen Krisen, politisch sehr aufmerksam gewertet und sehr eingehend untersucht werden. Hier zeigte sich das kleinbürgerliche, anarchistische Element, das mit den Losungen des freien Handels auftritt und stets gegen die Diktatur des Proletariats gerichtet ist. Und diese Stimmung wirkte sich sehr stark auf das Proletariat aus. Sie wirkte sich auf die Betriebe in Moskau aus, sie wirkte sich auf die Betriebe in einer ganzen Reihe von Orten in der Provinz aus. Diese kleinbürgerliche Konterrevolution ist zweifellos gefährlicher als Denikin, Judenitsch und Koltschak [Angehörige der Weißen Armee] zusammengenommen, weil wir es mit einem Land zu tun haben, wo das Proletariat die Minderheit bildet […].

Wir dürfen nicht vergessen, dass die Bourgeoisie bemüht ist, die Bauernschaft gegen die Arbeiter aufzuwiegeln, dass sie versucht, das kleinbürgerliche, anarchistische Element gegen die Arbeiter unter deren Losungen aufzuwiegeln, was unmittelbar zum Sturz der Diktatur des Proletariats und folglich zur Wiederaufrichtung des Kapitalismus, der alten gutsherrlich-kapitalistischen Macht führen würde. Hier liegt die politische Gefahr auf der Hand.

zitiert nach: Lenin: Werke, Bd. 32, Berlin 1982, S.182-185