Kaiser oder Präsident? | Quellen

 

Die Textquellen gehören zum Modul Kaiser oder Präsident?

 

Reden in der Frankfurter Nationalversammlung | 15. Januar 1849 | Die folgenden Redeauszüge sind den stenographischen Protokollen der Frankfurter Nationalversammlung entnommen. Die Schreibweisen von 1849 wurden beibehalten. Die unterstrichenen Begriffe werden im Glossar am Ende der Seite erklärt. | Quellennachweis: Franz Wigard (Hrsg.): Stenographischer Bericht über die Verhandlungen der Deutschen Constituirenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main, Bd.: 6. 1849, Frankfurt am Main 1949, S. 3991-4778. In: Digitale Sammlung der BSB München: Verhandlungen der deutschen constituierenden Nationalversammlung zu Frankfurt am Main / Stenographische Berichte (1848-1849), Schütz 4703-4707, Hagen 4712-4716, Falk: 4701f., Jahn: 4717.   

 

Quelle 1 | Friedrich J. Schütz | 1813–1877 | Bingen | Donnersberg

Friedrich Jakob Schütz war an verschiedenen Aufständen und Revolutionen beteiligt, musste mehrfach fliehen, wurde 1851 in Abwesenheit von dem Landgericht in Mainz wegen Hochverrats zu 6 Jahren Gefängnis verurteilt und emigrierte in die USA. Zuletzt war er als amerikanischer Konsul in Rotterdam tätig. 

Meine Herren, der Gegenstand, der der heutigen Tagesordnung vorliegt, ist oft als Schlußstein der deutschen Verfassung angegeben worden, auch in dem Berichte des Ausschusses wird gesagt, es sei die höchste Spitze der deutschen Verfassung. […] Ich erlaube mir, Sie auf die Bedeutung der heutigen socialen Bewegung aufmerksam zu machen. Erinnern Sie sich, daß unsere Bewegung auch zum großen Theile davon ausging, daß das Volk materiell elend ist. Nicht um Schaffung bloßer politischer Formen handelte es sich in der Gegenwart. Sie alle müssen überzeugt sein, daß nur dann, wenn das Volk materiell zufrieden leben kann, irgend eine Staatsform Grund und Boden haben wird, und nun frage ich, wenn Sie den Kaiser-Luxus an die Spitze des Staates gestellt haben, wird er da nicht von oben bis unten, bis zum kleinsten Fürstchen Nachahmung finden. Man hat sich über den Aufwand der Fürsten beklagt, wie wird es erst werden, wenn die kleineren Fürsten dem Kaiser nachahmen wollen! Wir behalten unsere unendlichen Ausgaben für die stehenden Heere, für das ganze Beamtenwesen, kurz alle Lasten, welche das alte System hatte, sie werden durch das Kaiserthum erhöht und das materielle Wohl kann nicht befördert werden. […] Meine Herren! Stellen Sie keinen Kaiser an die Spitze Deutschlands […], Sie bleiben stehen in der Hälfte der Bewegung und Sie bauen ein Werk, dass sehr bald von der fortdauernden Bewegung der Zeit niedergerissen werden wird. (Beifall auf der Linken.)

 

Quelle 2 | Carl Heinrich Wilhelm Hagen | 1810–1868 | Heidelberg | Donnersberg

Carl Heinrich Wilhelm Hagen studierte Evangelische Theologie und klassische Philologie (Altgriechisch und Latein) und war als Lehrer und Dozent tätig. Im August 1849 wurde er  wegen seiner politischen Tätigkeit in der Frankfurter Nationalversammlung aus dem Staatsdienst entlassen. 

Hagen
Carl Heinrich Hagen

Dann müssen Sie doch das annehmen, es gibt eine Partei in Deutschland, und zwar eine große, die republikanisch gesinnt ist. (Gelächter auf der Rechten.) Nun gut, ich fahre fort; wenn diese Partei im gegenwärtigen Augenblicke schon so mächtig ist, wenn sie auch numerisch nicht die Mehrzahl im Volke bildet, so ist doch anzunehmen, daß allmählig diese Partei immer zahlreicher und mächtiger wird. (Widerspruch auf der Rechten.) […] Meine Herren! Sie sprechen immer von historischer und gesetzlicher Entwickelung. Nun gut, so geben Sie dieselbe zu. Dieß können Sie aber nur dadurch, wenn Sie nicht eine Erblichkeit der constitutionellen Regierung für Deutschland von vornherein fixiren. Wenn Sie dieses thun, meine Herren, dann kann die republikanische Richtung durch nichts als Revolution zur Herrschaft kommen. Der wahre Staatsmann aber charakterisirt sich dadurch, daß er Einrichtungen trifft, welche die Möglichkeit einer vernünftigen, naturgemäßen, dem Volksgeiste entsprechenden Entwickelung nicht ausschließen, sondern sie vielmehr begünstigen. Sie sehen also, meine Herren, daß das erbliche Kaiserthum, nach verschiedenen Seiten hin aufgefasst, durchaus nicht fähig ist, das zu Stande zu bringen, was Sie durch dasselbe zu erreichen streben. […] Ich stimme für einen verantwortlichen und zeitweiligen Präsidenten.

 

Quelle 3 | Friedrich W. A. Falk | 1805 bis ca. 1868 | Militsch | Westendhall und Augsburger Hof

Friedrich Wilhelm Alexander Falk studierte Evangelische Theologie, Philosophie und Rechtswissenschaften und arbeitete als Gymnasiallehrer. In der Nationalversammlung war er unter anderem in dem Ausschuss für Kirchen- und Schulwesen tätig.  

Ich bin der festen, innigen Überzeugung, daß jetzt für Deutschland die republikanische Regierungsform nicht angemessen ist. […] Meine Herren, ich halte diese republikanische Spitze unter den gegebenen Verhältnissen in Deutschland für unausführbar. Schon Horaz sagt uns, daß wenn ein Maler auf einen menschlichen Körper einen Pferdekopf malen wollte, daraus kein Kunstwerk, sondern ein Ungethüm entstehen würde. Ebenso wird, wenn auf die verschiedenen Monarchien in Deutschland eine republikanische Spitze gesetzt wird, ein Institut gebildet, welches keine innere Lebensfähigkeit hat, […] mag sie auch, wie mein Vorredner gethan hat, mit einem Laubdache verglichen werden, oder mit einem anderen ähnlichen Schutzmittel. Ich glaube, unter dem Schatten dieses Laubdaches würden wir uns eben nicht erquicken. (Bravo von der Rechten.) Denn das Bestreben des Präsidenten […] würde dahin gerichtet sein, die constitutionellen Könige wegzuschaffen. (Bravo von der Rechten.) Das ist so naturgemäß, wie nur irgendetwas sein kann. Umgekehrt würden die constitutionellen Monarchen alle Anstrengungen machen, sich des Präsidenten zu entledigen. Wir würden also in diesem Falle durchaus nicht eine Einigung, sondern eine Zerrissenheit haben. […] Wir müssen nicht Gegengewichte suchen, die sich wechselseitig aufreiben, sondern Einigungspunkte, die unsere Kräfte zusammenführen

 

Quelle 4 | Friedrich Ludwig Jahn | 1778 bis 1852 | Merseburg | Casino

jahnJohann Friedrich Ludwig Christoph Jahn war ein deutscher Pädagoge und begründetet die Deutsche Turnerbewegung, daher auch sein Beiname Turnvater Jahn. Diese Bewegung verfolgte nicht nur sportliche Ziele, sondern war von Anfang auch mit der Nationalbewegung und den Burschenschaften verknüpft und setzte sich für Einheit und Freiheit ein. | Portrait Friedrich Ludwig Jahn (Public Domain, Wikimedia): Bild anklicken

Die Freiheit kann nur von der Einheit geschützt werden, die Einheit ist die Mutter der Freiheit und die Tochter der Einheit ist die Freiheit, – wer also die Tochter haben will, der halte es mit der Mutter (Große Heiterkeit und Beifall), und wie wollen wir bei dem Andrängen der Völker bestehen, die alle sich zusammenschaaren und sich alle stärken, wenn wir nicht ein starkes einheitliches Volk werden? Wir sind hierher geschickt, um den neuen Bau des neuen Deutschlands zu begründen […] wir wollen etwas neues, tüchtiges, kräftiges, dauerndes; das muß zu Wege gebracht werden, das kann nur durch eine tüchtige Einheit, durch eine Grundlage, die die Freiheit sichert, und so wünsche ich denn, daß so wie ein Kutscher auf dem Bock ist, ein Lootse am Steuer, ein Lenker auf dem Feuerwagen der Eisenbahn, ein Koch am Herd und ein Arzt am Krankenbette, einen erblichen Kaiser für Deutschland! (Lebhafter Beifall im Centrum und auf der Rechten.)

 

 

 

Glossar

constitutionelle Regierung | Konstitutionell ist eine Regierung oder ein Staatsoberhaupt dann, wenn sie oder es im Rahmen einer Verfassung regiert (im Gegensatz zu absolutistischer Herrschaft).

Erbkaiserthum bzw. Erbmonarchien | In dieser Form des Kaisertums ist die Nachfolge so geregelt, dass der regierende Kaiser die Kaiserkrone an seine (meist die männlichen) Nachkommen weitervererbt.

Horaz | Römischer Dichter, der von 65 v. Chr. bis 8 v. Chr. lebte.

Numerisch nicht die Mehrzahl | In diesem Zusammenhang ist gemeint, dass die Anhänger der Republik zahlenmäßig noch keine Mehrheit hatten.

Republikanische Spitze bzw. Regierungsform | Damit ist in diesem Zusammenhang entweder ein gewählter Präsident oder eine gewählte Regierung gemeint. Diese Staats- und Regierungsform steht im Gegensatz zur Monarchie

Recherche der Quellen: Lisa Philippen, Köln

 

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