Hep-Hep-Krawalle 1819 | Quellen

Die Quellen gehören zum Modul Hep-Hep-Krawalle 1819

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Proklamationen | Plakate

 

Quelle 1 | Proklamation, Danzig, ohne Datum [September 1819]

Brüder in Christo!

Auf, auf, sammelt euch, rüstet euch mit Muth und Kraft gegen deine Feinde unseres Glaubens, es ist Zeit, das Geschlecht der Christusmörder zu unterdrücken, damit sie nicht Herrscher werden über euch und un­sere Nachkommen, denn stolz erhebt schon die Juden Rotte ihre Häup­ter und spotten unserer Ehrfurcht, daß wir unsere Knie beugen für den, den sie gewürgt, darum nieder! nieder mit ihnen, ehe sie unsere Priester kreutzigen, unsere Heiligthümer schänden und unsere Tempel zerstören, noch haben wir Macht über ihnen und die Gewalt ist in unseren Händen, darum laßt uns jetzt ihr sich selbst gefälltes Urtheil an ihnen vollstrecken, laut dem sie geschrien: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Auf, wer getauft ist, es gilt der heiligsten Sache, fürchtet nichts und zögert keine Stunde, den Streit für den Glauben offen zu wagen. Diese Juden, die hier unter uns leben, die sich wie verzehrende Heuschrecken unter uns verbreiten, und die das ganze preußische Christentum dem Umsturz drohen, das sind Kinder derer, die da schrien: kreutzige, kreutzige.

Nun auf zur Rache! unser Kampfgeschrey sey Hepp! Hepp!! Hepp!!!

Aller Juden Tod und Verderben, Ihr müßt fliehen oder sterben.

Zitiert nach: Eleonore Sterling: Judenhass, S. 171 [Amtliche Abschrift, Zentralarchiv Merseburg, Rep. 77, Abt. I, Tit. XXX, Nr. 4 (1819)]

Quelle 2 | Bekanntmachung des Hamburger Rates vom 26. August 1819

Bekanntmachung.

Da die Unordnungen gegen Abend noch fortgedauert haben: so soll nunmehr in Gemäßheit der bestehenden Gesetze, und namentlich des heute affigirten Tumult-Mandats vom 8ten July 1796 verfahren werden.

Es hat demnach ein Jeder, falls nicht Umstände es nöthig machen, von 9 Uhr Abends zu seiner eigenen Sicherheit sich zu Hause zu halten: denn es wird im Nothfall scharf geschossen; und gleich geschossen werden, wenn mit Steinen geworfen wird.

Besonders wird auch der Judenschaft das Zuhausebleiben zur Pflicht gemacht.

Ein jeder Brodherr, Fabrikant und Handwerker, ist verpflichtet seine Leute zu Hause zu halten.

Die Eltern sind verantwortlich für die in ihrem Hause sich befindenden Kinder, die nach 8 Uhr Abends auf der Gasse nicht geduldet, vielmehr arretirt und sodann die Eltern bestraft werden sollen.

Veranlassung zu Unruhen, Thätlichkeiten und Selbsthülfe werden aufs strengste bestraft, und es einem Jeden zur Bürgerpflicht gemacht, darüber der Polizeit-Behörde eine Anzeige zu machen.

Vorzüglich aber wird der Judenschaft hiedurch anbefohlen, jeder Veranlaßung zu Unruhen und Thätlichkeiten aufs sorgfältigste und bei schwerer Ahndung sich zu enthalten.

Alles Zusammenrottiren wird verboten, wo mehr als sechs Menschen zusammen sind, werden sie aus einander gewiesen, auch falls sie nicht Folge leisten, wird nach den heute publicirten Maaßregeln verfahren werden.

Ein Hochedler Rath ermahnt aufs Väterlichste dieser guten Stadt Bürger und Einwohner durch ein pflichmäßiges Betragen zur Entfernung aller Unruhen und der Anwendung der strengen Maaßregeln nach Kräften beyzutragen.

Gegeben in Unsrer Rathsversammlung, Hamburg den 26. August 1819.

Zitiert nach Angela Schwarz: Antijüdische Hep-Hep-Unruhen. Ausschreitungen gegen jüdische Hamburger im Vormärz. Hamburg Geschichtsbuch [400 Jahre Juden in Hamburg, Katalog, S. 259]

 

 

Berichte

 

Quelle 3 | Hamburg: Anzeige des Samuel Isaak Brie über die am 25. August 1819 im Haus seines Vaters begangenen Exzesse

…Es war wol um 9 1/4 Uhr als ein großer Haufe mit Knütteln und Waffen versehen von der Mönkendammstwiete in die Straße sich zogen, mehreren Nachbaren Fenster einwarfen, und mit dem Ausruf „Hier wohnen auch Juden“ Steine von ungewöhnlicher Schwere in die Fenster warfen so daß in wenigen 10 Minuten alle Fenster parterre und in der 1. Etage zerschlagen waren. Nach mehrmaligen Anlauf gegen die Hausthüre gab selbe endlich der Gewalt nach, es stürmten Mehrere aus den niedrigsten Hefen des Trosses ins Haus, Spiegel und Leuchte wurden zerschlagen, und mit dem wiederholten Ausruf „Nieder mit den Juden“ drangen sie zur Treppe. Ohne Waffen im Haus, ohne Hülfe von den Nachbaren die für ihre eigene Erhaltung besorgt sein mußten, waren die Bewohner des Hauses bestehend aus dem Vater und 3 Frauenzimmer, ein fremder Israelite der zum Abendessen sich da befand und ich, der Raserey der tollkühnen Bösewichter preisgegeben, als in dem fürchterlichen Augenblick wo man mich selbst bey der Brust faßte und niederzuknien befahl, ein Fremder mit dem Ausruf „Wache kömt“ den frevelnden Haufe zur schnellsten Flucht bewog. Bürger-Militär zog herbey u. gerettet waren die im Hause sich befanden. – Meine Pflicht erheischt getreulich zu berichten, daß der größte Haufe wol aus Gesinde bestanden; deutlich genug bemerkte aber wie wohlgekleidete Personen thätigen Antheil genommen…

Zitiert nach Angela Schwarz: Antijüdische Hep-Hep-Unruhen. Ausschreitungen gegen jüdische Hamburger im Vormärz. Hamburg Geschichtsbuch [Stefan Rohrbacher, Gewalt im Biedermeier. Antijüdische Ausschreitungen in Vormärz und Revolution (1815 – 1848/49). Frankfurt / Main 1993, S. 302f.]

 

Quelle 4 | Heidelberg und Karlsruhe: Brief von Ludwig Robert an Rahel Verhagen, 22. August 1819

Karlsruhe, den 22. August 1819.

Was die Judengeschichten betrifft, so glaube ich, daß man sie für unwichtiger hält, als sie sind. In Heidelberg sind vier Häuser total geplündert worden, Betten aufgeschnitten u. dgl. Die Studenten haben sich sehr gut benommen. Unter Anführung von drei Professoren haben sie 500 an der Zahl und bewaffnet die Ruhe wieder hergestellt, einige der Schuldigen ergriffen und sie auch selbst bewacht. — Gestern endlich ist es denn auch hier losgegangen. Die Hilfe war aber schnell da, und außer dem bekannten Ruf und einiges Pochen an Fensterladen ist nichts vorgefallen. — Doch ich will Dir ausführlich erzählen, wie ich es gesehen habe. Ich ging Punkt zehn Uhr von der Mutter meiner Freundin, wo ich gegessen hatte, nach Hause, fand die lange Straße ungewöhnlich lebhaft, und als ich an der Kronenstraße Ecke kam, einen Auflauf und starke Patrouillen Infanterie und Offiziere zu Pferde und zu Fuß. Da nun von den Bäckerhäusern Rauch in der Straße war, so dachte ich, es wäre Feuer, fing auch einen Handswerksburschen; der mir sagte, ich weiß es nicht; ich glaube, es ist wegen der Juden. Indem hörte ich auch von einzelnen Stimmen den Ruf. Offiziere und Polizei vermahnten, die Patrouillen zu 10 und 15 Mann gingen spürend umher; so wie sie sich aber weg wandten, hörte man den Ruf wieder mit lautem Gelächter, mehr komisch, als fanatisch-wild. Da ich, um nicht arretiert zu werden, nicht stehen bleiben wollte, so ging ich bis an die Waldhorngasse. In dieser Gegend traf ich den Stadtkommandanten Gen. Brückner zu Pferde, und indem noch immer einzeln gerufen wurde, sagte er zu einer Patrouille: Laßt die Saukerls rufen, wenn sie sich durchaus nichts sagen lassen; aber so wie sie dummes Zeug machen, so greift zu! Alle Menschen waren an den offenen Fenstern, und ich ging, nahe den Häusern, langsam wieder zurück, um die Stimmung zu erhorchen. Kein einziger von den Männern oder Weibern, die zu den vielen vor den Türen stehenden Kinder ein ermahnendes oder nur ernstes Wort gesprochen hätten. Kichern, lachen und die Kinder mit kindischem Interesse erzählen, das war alles, was man hörte. Noch viel weniger war ein Geistlicher zu sehen, hier, wo die Lehrer der Religion der Liebe meines Erachtens pflichtgemäß hingehörten.

Ich ging ins Museum, um etwas zu erfahren, traf Coigniard, der mir erzählte, daß das Zusammenrotten und Rufen dem Museum gegenüber begonnen hätte, daß aber die meisten bloß aus Neugierde auf den Straßen gewesen wären, da in den früher angeschlagenen Zetteln es geheißen hätte: am 27t sollten die Juden totgeschlagen werden. Der Zug ging also nach dem Markt. Hier habe der General Brückner die Masse begegnet, sie freundlich ermahnt, und sie wären auseinander gegangen. Coigniard wollte mir gar nicht glauben; daß der Lärm noch fortdauerte, und daß ich in der Nähe der Kronenstraße einen Stein gegen meinen offenstehenden Überrock erhalten hätte, welches ich doch gefühlt hatte. Wir gingen also zusammen wieder zurück. Kaum aber bei Habers Haus angekommen, so begegnete uns der Rest der Masse, etwa hundert Menschen, kaum! die von einer chaine Infanterie, die die Breite der Straße einnahm, unter Anführung eines Offiziers zurückgetrieben wurde. Uns ließ man als ruhige Leute durch.

Nun kam im scharfen Trab vom Durlacher Tor der Brückner mit ungefähr fünfzig Gardes du corps — Wollt ihr Hunde zu Hause! haut die Hunde! So rief er und trieb die Neugierigen samt und sonders in die Querstraßen, wo sie noch einige Häuser weit verfolgt wurden. Gleich war die Straße wie ausgestorben. Der Unteroffizier von der Patrouille, die am Grabmal stand, sagte uns, wir möchten nicht die lange Straße hinauf gehen, wir könnten überritten werden, und so gingen wir nach der Zähringer und ich zu Hause, stand noch eine Weile vor der Tür und ging mit dem Glockenschlag 11, wo alles ruhig war, zu Bett. — Die Hilfe war schnell da, weil alles vorbereitet war; kein Bürger war unter dem stillstehenden Haufen zu sehen, nur Handwerksburschen und Buben. […]

Zitiert nach Claussen, Detlev: Vom Judenhass zum Antisemitismus. Materialien einer verleugneten Geschichte. Darmstadt, Neuwied 1987, S. 68f. [Rahel Vernhagen: Gesammelte Werke, Band IX, München 1983, S. 579-585]

 

Quelle 5 | Die rheinische Dorfchronik des Joan Peter Delhoven aus Dormagen, Eintrag vom 18. und 20. Oktober

18. […] Die allgemein verbreitete Sage, dem Kind wäre von Juden das Blut ausgesogen worden, hatte Tausende hierher gezogen. Viele waren drei Stunden weit gekommen, von Straberg, Nivenheim, Worringen hatten sich kleine Prozessionen gebildet, welche laut beteten. Da es eben Dienstag war, so ward die Kirche gepfropft voll. […]

20. […] Um 11 Uhr hatte sich eine Menge Worringer vor dem Hause des Juden Isaak versammelt, sie riefen „hep! hep!“, welches die Zerstörung Jerusalems bedeutet, und drohten das Haus zu stürmen. Die Anwesenheit aber des Bürgermeisters und der anderen Gerichtsherren von Köln und hier benahm ihnen den Mut. […] Aus den abgehörten Zeugen geht nichts hervor, was unseren Juden zur Last fällt; und die Tat kann ebenso gut von einem Christen als Juden, der besoffen war, verübt worden sein.

Zitiert nach Erb, Rainer Schmidt, Michael (Hg.): Antisemitismus und jüdische Geschichte. Berlin 1987, S. 137 f.

 

Drohbrief

Quelle 6 | Drohbrief gegen einen jüdischen Kaufmann in Würzburg [ohne Datum]

Der Jude als nächster Verwandter der bayerischen Finanzkammer darf im ganzen Königreich ungehindert seinen strafbaren Wucher mit dem armen gedrückten Bürger treiben, während der Bürger bei einer konstitutionellen Regierung in Friedenszeiten Kriegssteuer zahlen muß… warum dies alles? Antwort: Weil Schurken und Juden verschwistert den Zügel der Regierung führen… Mit Feuer, Dolch und Schwert sind wir fest entschlossen, uns von dem jüdischen Ungeziefer zu reinigen und es würde mir sehr leid tun, wenn Euer Wohlgeboren diesem meinem Warnungsbrief nicht Genüge leisten werden, indem die Ihrige Behausung ohne Rettung in einen Aschehaufen verwandelt werden wird.

Zitiert nach: Rainer Erb, Werner Bergmann: Die Nachtseite der Judenemanzipation. Der Widerstand gegen die Integration der Juden in Deutschland 1780–1860. Berlin 1989, S. 226;  s. auch: Wikipedia: Hep-Hep-Unruhen.